The Other Side of Blubb

Juli 25, 2026 | News | 0 Kommentare

Kontrolle und Zufall in der Tropfenfotografie #3

Zwischen zwei Wimpernschlägen liegt ein Augenblick. Ein extrem kurzer Moment, kaum wahrnehmbar – und doch voller Möglichkeiten. Genau solche Augenblicke sichtbar zu machen, ist die Essenz der Highspeed-Fotografie.

Die „andere Seite von Blubb“ beginnt genau dort, wo Überraschung und Zufall den Charakter einer Figur prägen.

In diesem Beitrag steht weniger die Suche nach der perfekten Form im Mittelpunkt, sondern die erstaunliche Vielfalt der Figuren, die auf dem Weg dorthin entsteht.

Neben einer gewissen technischen Affinität braucht man in der Tropfenfotografie vor allem Zeit. Und Geduld. Viel Geduld. Beides konnte ich in den vergangenen Monaten aus verschiedenen Gründen nicht aufbringen. Die Muse fehlte, die Muße ebenso und mein Tropfenstudio blieb ungenutzt. Die Tropfenanlage stand still. Und wie so manches technische Gerät, das zu lange unbeachtet bleibt, nahm sie mir das ein wenig übel.

Kunst ist, was gefällt?

Neben den klassischen fotografischen Kriterien wie Belichtung, Schärfe, Schärfentiefe und Lichtführung gibt es für Tropfenfiguren keine allgemein gültigen Bewertungsmaßstäbe. Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass Betrachter in den Wasserskulpturen häufig etwas Vertrautes erkennen möchten: Tiere, Pflanzen, Gegenstände oder Fantasiegestalten. Solche Assoziationen helfen dabei, einen Zugang zu den Bildern zu finden.

Ich möchte Ihnen zeigen, wie unterschiedlich Wasserskulpturen ausfallen können und welche Rolle der Zufall dabei spielt. Trotz sorgfältiger Planung entstehen oft Formen mit einer ganz eigenen Ästhetik – manchmal gerade dann, wenn die Kontrolle verloren geht. Die Interpretation bleibt dabei stets subjektiv.

Zeit ist relativ

In der Tropfenfotografie spielt Zeit eine zentrale Rolle. Einerseits bewegen wir uns im Bereich weniger Millisekunden, andererseits können zwischen Idee und fertigem Bild mehrere Tage liegen.

Vor Kurzem ergab sich für mich eine zusammenhängende Phase von einigen Tagen, die ich vollständig meiner Leidenschaft widmen konnte: der Suche nach der perfekten Figur.

Obwohl ich mich seit inzwischen sechs Jahren intensiv mit diesem Thema beschäftige, entdecke ich immer wieder neue Möglichkeiten und Techniken, andere Figuren zu kreieren.

Aller Anfang ist schwer

Die Wiederinbetriebnahme meiner selbst gebauten Tropfenanlage erwies sich als deutlich aufwändiger als erwartet. Um einen Begriff aus der Oldtimer-Szene zu verwenden: Sie hatte „Standschäden“ entwickelt.

Ventile mussten gereinigt, verklebte Düsen gesäubert und Dichtungen ersetzt werden. Auch die Elektronik verlangte eine Neuinstallation. Allein diese Arbeiten nahmen zwei Tage in Anspruch.

Und nicht zuletzt musste auch ich selbst wieder in die Materie hineinfinden. Maschine und Mensch waren gleichermaßen aus der Übung.

Wie entsteht eine Tropfenskulptur?

Tropfenkollisionen sind mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar. Innerhalb von etwa 25 Millisekunden entsteht und vergeht eine Figur.

Ich versuche Wasser zu formen und die etwa sieben bis zehn Zentimeter hohen Wasserskulpturen für diesen winzigen Augenblick einzufrieren, quasi zum „Stehen“ zu bringen.

Dabei beeinflussen zahlreiche Parameter das Ergebnis: hydrostatischer Druck, Viskosität der Flüssigkeiten, Fallhöhe oder die Größe der Tropfen. Werden zusätzliche Elemente wie Rauch, Feuer, Luftstöße oder feste Objekte eingebunden, steigt die Komplexität des Setups erheblich und das Timing mit mehreren Ventilen wird zunehmend anspruchsvoll.

Dies fotografisch festzuhalten, ist eine zusätzliche Herausforderung.

Die Chaosphase

Eine Tropfensession dauert in meinem Studio typischerweise fünf bis sieben Stunden. In dieser Zeit versuche ich, eine bestimmte Wasserskulptur schrittweise aufzubauen.

Jeder Tropfenfotograf – unabhängig von seiner Erfahrung – durchläuft dabei eine Phase, die ich die „Chaosphase“ nenne. Hier wird die Dynamik des Geschehens und die eigentliche Bedeutung von Highspeed-Fotografie besonders deutlich.

Vereinfacht dargestellt fällt ein Tropfen nach unten, während ihm von unten eine Flüssigkeitssäule entgegen steigt. Zunächst muss überhaupt der Kollisionspunkt gefunden werden. Gleichzeitig gilt es, diesen innerhalb der sehr kleinen Schärfentiefe präzise abzubilden.

Auf dem Kameradisplay erscheinen anfangs jedoch meist nur Explosionen aus Tropfen, Spritzern und Farbresten. Dieses scheinbare Chaos muss analysiert und verstanden werden. Durch minimale Veränderungen einzelner Parameter – oft entscheiden Millimeter und Millisekunden – nähert man sich Schritt für Schritt der gewünschten Form an.

Der entscheidende Faktor ist dabei stets das Timing.

Oder anders formuliert: Man verbringt Stunden damit, wenige Millisekunden zu kontrollieren. Das ist zugleich das Faszinierende an diesem Genre: Kaum glaubt man, etwas verstanden zu haben, beweist einem der nächste Tropfen das Gegenteil.

Importiertes Bild 5

Die Ausbeute

Je nach Schwierigkeitsgrad des Setups verbleiben nach dem Löschen aller Test- und Orientierungsaufnahmen zwischen 80 und 200 Bilder auf der Festplatte.

Meine persönlichen Favoriten sind die sorgfältig ausgearbeiteten und möglichst präzise geplanten Figuren – soweit man in der TropfenfotograFie überhaupt von Planung sprechen kann. Nach einer ersten Bewertung im Sterne-System bleiben meist etwa zehn Prozent der Aufnahmen übrig. Diese Auswahl reduziere ich weiter und bearbeite schließlich einige wenige Bilder.

Dabei achte ich auf Vollständigkeit, Symmetrie, harmonische Formen, gelungene Farbkombinationen und andere gestalterische Aspekte.

Während der Auswahl fielen mir jedoch immer wieder Figuren auf, die im Verlauf der Annäherung an die eigentliche Zielskulptur entstanden waren. Auch diese Bilder habe ich archiviert und einige davon für diesen Beitrag ausgewählt und bearbeitet.

Die Bearbeitung beschränkt sich dabei im Wesentlichen auf das sorgfältige Entfernen störender Spritzer, kleinere Korrekturen des Weißabgleichs sowie gegebenenfalls Anpassungen der Belichtung.

Diese asymmetrischen, offenen und teilweise zerrissenen Formen entstehen, wenn Tropfen noch nicht perfekt zentriert sind, Druck oder Winkel leicht abweichen oder Flüssigkeiten aneinander vorbeigleiten. Der Zufall übernimmt dann einen Teil der Gestaltung, wobei ich manchmal gerade an einem solchen Zufallsbild weiterarbeite. Nicht selten entwickelt sich daraus eine neue Bildidee.

Genau darin liegt ein besonderer Reiz. Während die geplanten Figuren häufig Bewunderung für ihre Präzision hervorrufen, regen die ungeplanten Formen oft stärker die Fantasie an.

Jeder Betrachter entdeckt etwas anderes darin.

In diesem Beitrag geht es nicht um die perfekten Figuren, sondern um die überraschenden Ergebnisse jenseits der Planung. Für mich sind diese Zufallsfiguren inzwischen den präzise konstruierten Wasserskulpturen fast ebenbürtig und bereichern mein Archiv.

Die folgenden Bildpaare zeigen jeweils links eine gezielt aufgebaute Figur und rechts eine während der Chaosphase entstandene Zufallsfigur.

Vielleicht entdecken Sie gerade in den ungeplanten Figuren etwas, das ich selbst in der Aufnahme gar nicht gesehen habe. Denn manchmal erzählt der Zufall die interessantere Geschichte.

Vielen Dank für Ihre Begleitung auf die „andere Seite von Blubb“.

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