Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven

Juli 29, 2025 | News | 0 Kommentare

Vom historischen Hafen in die neue Welt. Eine Zeitreise durch 300 Jahre Migrationsgeschichte.

Der Schritt in die neue Welt.

Die Stadt Bremerhaven war einer der größten Auswanderungshäfen im 19. und 20. Jahrhundert. Millionen von Menschen schifften sich hier ein, verließen ihr bisheriges Leben in Europa und wagten den Schritt in eine ungewisse Zukunft in Übersee.

Das Deutsche Auswandererhaus, ein preisgekröntes Museum im historischen Hafen, gibt Einblicke in die Migrationsgeschichte Deutschlands. Meine Eindrücke möchte ich Ihnen, in Verbindung mit einigen Fotos, gerne näherbringen.

Fotografieren im Museum.

Im Gegensatz zu vielen anderen Museen darf, gegen einen geringen Aufpreis, im Auswandererhaus fotografiert werden. Allerdings ist die Verwendung von Blitzgeräten oder Stativen aus verständlichen Gründen ausgeschlossen. Da auch alte Fotos und Movies gezeigt und zudem viele Exponate in Vitrinen und Schubladen präsentiert werden, war das Licht insgesamt ziemlich schwach. Eine Kamera mit guten Low Light Eigenschaften und einem großen Sensor, ist dann von Vorteil. Fotografiert habe ich im Modus M mit offener Blende, um viel Licht einfangen zu können und um gleichzeitig die Motive mit geringer Schärfentiefe frei zu stellen. Als allgemeine Faustregel gilt, mit einer Belichtungszeit zu beginnen, die dem Kehrwert der Brennweite entspricht. Diese Zeit kann aber durch die Bildstabilisatoren moderner Kameras deutlich verlängert werden. Obwohl ich mich um eine ruhige Kamerahaltung bemüht habe und die Bildstabilisierung eingeschaltet war, waren doch einige Fotos verwackelt. Anlehnen oder aufstützen sollte man jedoch vermeiden. Die ISO- Automatik wählte zum Teil eine Sensorempfindlichkeit bis zu meiner Einstellungsbegrenzung von 12800 ISO. Das resultierende Bildrauschen fand ich persönlich nicht störend, im Gegenteil eher passend zum historischen Bezug. Im RAW-Format kann das Rauschen nachträglich reduziert werden, wenn gewünscht. Fokussieren war bei diesen Lichtverhältnissen manchmal schwierig, sodass ich bei eingeschaltetem Fokus-Peaking und mit Hilfe der Fokuslupe manuell fokussieren musste. Es ist selbstverständlich, möglichst unauffällig zu fotografieren, um niemanden zu stören. Außerdem gilt, wie in der Street Fotografie, die DSGVO.

Migration und Zusammensetzung der Bevölkerung.

Migration ist ein globales Phänomen und ein fester Bestandteil menschlicher Entwicklung. Seit Urzeiten bewegen sich Menschen über Grenzen hinweg, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, Freiheit, Sicherheit oder auf der Flucht vor Verfolgung. Auch in heutiger Zeit wirkt Migration tief in soziale Gefüge hinein und verändert bestehende Gesellschaftsstrukturen bezüglich Kultur, Bildung, Arbeit, Wohnen, Zusammenleben und Politik.

Deutschland, Einwanderungs- und Auswanderungsland.

Deutschland ist ein Einwanderungsland – faktisch seit den 1950er Jahren der Nachkriegszeit und des Wirtschaftswunders – rechtlich und politisch anerkannt ab 2005, mit der Einführung des Staatsangehörigkeitsrechts und des Zuwanderungsgesetzes. Weitere Gesetze zur gesteuerten Zuwanderung folgten mit der Reform des Staatsbürgerschaftsrechts 2024.

Deutschland war und ist gleichzeitig auch ein Auswanderungsland. Zwischen 1820 und 1914 verließen über 5 Millionen Deutsche das Land. Gründe dafür waren u.a. Armut, Hunger, sowie religiöse und politische Verfolgung. Von 1933 bis 1945 flohen Hunderttausende vor dem Terror des Nationalsozialismus und dem Holocaust. Viele wanderten in die USA aus, aber auch nach Australien, Südamerika und andere Länder.

In heutiger Zeit verlassen etwa 250 000 Deutsche jedes Jahr das Land.

Die deutsche Auswanderungsgeschichte und die Fotografie sind in vielfältiger Weise miteinander verknüpft. Die Fotografie dient nicht ausschließlich der Erinnerung, sondern zeigt Migration, Eingliederung und Identitätswandel. Oft ließen deutschstämmige Auswanderer

Fotografien anfertigen, meist in Sonntagskleidung, um Anpassung und wachsenden Wohlstand zu zeigen. Diese Fotos sind heute wichtige Quellen in der Genealogie und der Migrationsforschung und damit Bindeglied zwischen Heimat und Fremde.

Emigration bedeutender deutscher Fotografen.

Zwischen 1933 und 1945 flohen bedeutende deutsche Fotografen vor dem Nationalsozialismus. Ihre Biografien sind hochinteressant und spannend zu lesen. Sie verdeutlichen, wie Fotografie eine dokumentarische Brücke zwischen Auswanderung und Einwanderung wurde und wie die Arbeiten deutscher Fotografen Einfluss auf die visuelle Kultur in den jeweiligen Ländern nahmen. Hier einige kurze Auszüge.

-Alfred Eisenstaedt (1898-1995), ein jüdischer Fotograf, floh 1935 in die USA und wurde mit über 90 Titelbildern zum Star- Fotografen des LIFE Magazine. Sein berühmtes Foto des küssenden Paares am V-J Day 1945 (Victory over Japan) auf dem Times Square, steht für das Ende des zweiten Weltkrieges und wurde als Zeichen der Hoffnung gewertet.

-Andreas Feininger (1906-1999) Sohn des Bauhaus-Künstlers Lyonel Feininger, emigrierte in die USA und wurde bekannt mit seinen streng komponierten Stadtlandschaften und Industriemotiven. Die Verbindung technischer Präzision und künstlerischem Blick beeinflusste Generationen von Architekturfotografen. Er veröffentlichte zahlreiche Fotolehrbücher, die heute zu den Standartwerken der Fotografie zählen.

– Grete Stern (1904-1999), emigrierte über London nach Argentinien. Ihre surrealen Fotomontagen wurden zum frühen Ausdruck feministischer Perspektiven in der Fotografie. Zusammen mit ihrem Ehemann Horacio Coppola, einem argentinischen Fotografen, präsentierte sie 1935 die erste Ausstellung moderner Fotografie in Buenos Aires.

-Erich Salomon (1886-1944), Sohn des jüdischen Bankiers Emil Salomon, war der Pionier des Fotojournalismus. 1931 veröffentlichte er das Buch „Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken“, das auch heute noch erhältlich ist. Seine diskreten Aufnahmen mit versteckter Kamera revolutionierten die politische Berichterstattung. Er war der erste Fotograf, der im Weißen Haus fotografieren durfte. 1933 floh er mit seiner Familie in die Niederlande, wurde denunziert und 1944 in Auschwitz ermordet.

-Fred Stein (1909-1967), Pionier der Kleinbildfotografie. Seine Flucht führte ihn von Dresden zunächst über Paris nach New York. Mit seiner gebraucht gekauften Leica I, der legendären Ur-Leica, fotografierte er zunächst Straßenszenen sowie politische und literarische Zirkel in Paris. Stein spezialisierte sich später zunehmend auf die Porträtfotografie und porträtierte die Berühmtheiten seiner Zeit. Seine bekanntesten Porträts zeigen u.a. Albert Einstein und Hannah Arendt. Seine Bilder erzählen von Anpassung, Fremdheit und Nähe. Ein fotografisches Echo seiner eigenen Biografie.

Weitere Namen emigrierter Fotografen sind Gisèle Freund, Joseph Breitenbach, Gerda Taro…….die Liste ist lang.

Eine Zeitreise im Auswandererhaus.

Das Auswandererhaus Bremerhaven ist mehr als ein Museum. Es ist eine Galerie, die 7,2 Millionen Auswanderungen dokumentiert und globale Migrationsgeschichte mit individuellen Schicksalen verknüpft. Die Eintrittskarte ist gleichzeitig ein persönlicher Boardingpass, der zur Zeitreise von Bremerhaven bis Ellis Island vor New York berechtigt. Man betritt die Wartehalle, steigt über nachgebaute Gangways in einen Schiffsrumpf, geht durch begehbare Rekonstruktionen der Schiffsräume. Kurz gesagt, man begibt sich auf eine Überfahrt und erreicht nach einer virtuellen Reise die Ankunftsräume auf Ellis Island und die Wartehalle Grand Central Station in New York.

Das interaktive Ausstellungskonzept vermittelt dabei ein authentisches Erlebnis durch Film-Szenen und Tondokumente, sogenannte Oral-History- Interviews, die zusätzlichen emotionalen Zugang bieten. Man fühlt sich ein, kann Teil nachgestellter Szenen werden und sich vorstellen, was diese Menschen erlebt hatten, bevor sie die Gangway betraten, mit welchen Erwartungen und welchem Herzklopfen sie in die Zukunft blickten. … „with hearts full of hopes and fears“… Biografien und Dokumente, sowie ca. 35000 Ausstellungsstücke geben Einblick in Einzelschicksale und Familiengeschichten. Zusätzlich gibt es viele weitere Möglichkeiten, einen außerordentlich interessanten Tag zu verbringen. Man kann durch Zugang zu internationalen Datenbanken eigene Familienforschung betreiben oder in Critical Thinking Stationen besonderen Fragestellungen nachgehen. Außerdem ist mit der Eintrittskarte eine reale Auswandererbiografie verknüpft, die über verschiedene Stationen verfolgt werden kann und die mich so beindruckt hat, dass ich diese Biografie antiquarisch erworben habe.

Nach einigen sehr interessanten Stunden habe ich das Deutsche Auswandererhaus mit einem besonderen Erlebnis nachdenklich verlassen. Im Gedächtnis die meist schwierigen Vorgeschichten der Auswanderungswilligen, die keine Möglichkeit auf die Fortführung ihres Lebens in ihrer Heimat mehr sahen, oder gar um ihr Leben fürchteten und alle Hoffnung auf eine ungewisse Zukunft in fremden Ländern setzten. Oft genug sind diese neuen Existenzen gescheitert und nicht alle konnten den Umständen in der alten Heimat entfliehen.

Migration gehört zu Deutschland in beide Richtungen und ist längst Teil unseres Alltags geworden. Sie verändert nicht nur, wer Teil einer Gesellschaft ist, sondern auch wie diese Gesellschaft funktioniert. Dieser Dynamik gerecht zu werden und die Integration positiv und Gewinn bringend zu gestalten, ist eine Herausforderung für unsere moderne Gesellschaft. Auch das wird im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven deutlich thematisiert.

Mein Fazit: sehr empfehlenswert.

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