Die spielerische Jagd nach dem Bokeh
Bokeh – Definition, Varianten und Rezept
Der Begriff stammt aus dem japanischen, soviel wusste ich, ansonsten lag dessen Bedeutung für mich irgendwo zwischen Lampion und Lichterkette, verbunden mit einer diffusen Vorstellung einer zarten, fast mystischen Ästhetik.


Definition.
Bokeh per definitionem: „Die ästhetische Qualität der Unschärfe in unscharfen Bildbereichen“
Darüber musste ich zunächst einmal nachdenken.
Varianten.
Bokeh Varianten: Swirley, Twist, Katzenaugen, Soap Bubble, Zwiebelringe, Blendenlamellen, Vintage Objektive…
Meine Verwirrung nahm zu. Das Ganze war doch ziemlich kryptisch und das Thema komplexer, als ich dachte.
Rezept.
Bokeh: entsteht in Abhängigkeit von Blende, Brennweite, Abstand zum Motiv und Abstand zum Hintergrund.
Aha! Offenblende, lange Brennweite, nahe ans Motiv, Hintergrund weiter weg.. Das klang nun immerhin nach einer konkreten Anleitung, einem Rezept.
Theorie und Ameisenbiss. Aha-Effekt mit 70-200mm.
Soweit theoretisch vorbereitet und technisch ausgerüstet mit einem Zoom Objektiv 70-200mm f2,8 und einem Lens Baby Sweet 50mm f2,8 begab ich mich in unserer Gartenflora auf die Suche nach dieser ungewissen, geheimnisvollen Unschärfe – und fand zuallererst die Schärfe heftiger Ameisenbisse. Im Gras zu liegen hat eben auch Nachteile.
Die ersten mehr oder weniger scharfen Blütenfotos waren wenig spektakulär. So kam ich nicht weiter. Es dauerte, bis ich begriff, dass ich mehr auf den Hintergrund achten, sozusagen am Hauptmotiv vorbeischauen musste. Ich durfte nicht nur das Motiv fixieren, sondern musste die Umgebung und das „Drumherum“ in meine Wahrnehmung einbeziehen. Inzwischen stand die Sonne schon tiefer, Strahlen blitzten durch die Hecke und plötzlich waren sie da: ätherisch leuchtende Kreise, anmutige Aliens aus Licht. Das war es also. Die Lichtquellen im Hintergrund sind der Schlüssel, diese Wesen hervorzulocken.



Learning by doing.
In den nächsten Tagen experimentierte ich weiter. Mit längerer Brennweite wurden die Bokeh Kreise weicher und größer, der Hintergrund löste sich mit wachsendem Abstand in Unschärfe auf. Ich verfeinerte meine Vorgehensweise, fokussierte manuell vor oder hinter das Motiv, mal mehr, mal weniger und konnte so die Schärfentiefe vollkommen ausblenden. Teilweise fotografierte ich bewusst unscharf. Dabei entstanden Fotos mit fast impressionistischem Charakter. Spannend war zu beobachten, wie weit man ein Foto durch die Veränderung von Blende und Fokus verfremden konnte, bis nur noch farbige Muster übrigbleiben. Besonders gefiel mir, wenn das Motiv innerhalb der Bokeh Kreise noch schemenhaft erkennbar blieb, verbunden mit einem scharfen Bereich, der dem Auge Halt gibt und den Blick einfängt. Aber das ist letztlich Geschmackssache.



Wow mit Baby. Sweet Spot & Swirl
Ich wechselte das Objektiv. Das Lens Baby Sweet 50 hatte ich schon öfters in der Streetfotografie eingesetzt – ein manuelles Spezialobjektiv, das kreatives Arbeiten ermöglicht; sozusagen fotografischer Freestyle. Je offener die Blende, desto geringer wird der Schärfebereich, der sogenannte Sweet Spot und desto schwieriger das Fokussieren. Da bei bunten Blüten das farbige Fokus-Peaking kaum noch zu erkennen war, stellte ich auf monochrome Aufnahme um. Durch die Speicherung der RAW Daten bleiben die Farben für die Nachbearbeitung erhalten. Dieses Objektiv ermöglicht ein Twist oder Swirley Bokeh, einen wirbelnden, surrealen Hintergrund, der das scharf abgebildete Motiv umkreist.


Der Sweet Spot muss dabei nicht zwingend zentriert liegen. Durch Kippen der Linseneinheit kann man den Schärfebereich stufenlos zirkulär verschieben. Das erzeugt ovale Strukturen und eine gewisse Dynamik im weichen und verträumten Look und lenkt den Blick des Betrachters.



Mein Fazit.
Bokeh bedeutet nicht einfach, dass etwas unscharf ist. Es geht vielmehr darum, wie diese Unschärfe aussieht. Und darauf hat man als Fotograf erstaunlich viele Einflussmöglichkeiten: durch die Auswahl des Objektivs (Artikel zu Objektiven mit einem besonderen Bokeh finden sich bei fotowissen), die eigene fotografische Technik, die bewusste Gestaltung von Hintergrund und Schärfe, die Wahl des Lichts.
Bokeh ist nicht gleich Bokeh.
Es lässt sich qualitativ, technisch und ästhetisch sehr unterschiedlich empfinden. Form, Struktur, Übergänge, Farb- und Helligkeitsverlauf, alles spielt eine Rolle. Aber ein „objektiv bestes Bokeh“ gibt es nicht. Welche Empfindungen es auslöst und was dem Betrachter gefällt, bleibt so individuell wie das Bokeh. Genau das macht den Reiz aus, das hat Charme.
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