Die Geschichte zum Bild

Nov. 25, 2025 | News | 0 Kommentare

Die Begegnung mit einer Erinnerung

Patagonien ist bekannt für sehr raue Wetterverhältnisse, bisher hatten wir auf unserer Reise jedoch unglaubliches Wetterglück und ich hatte bereits Hunderte von Fotos aller Hotspots belichtet, die wir uns vorgenommen hatten. Inzwischen waren wir weit im Süden Patagoniens angekommen, genauer bei Él Chaltén, einem kleinen Dorf am Fuß einer spektakulären Bergkette, mit berühmten Bergen wie dem Cerro Fitz Roy und dem Cerro Torre. Seit zwei Tagen machten Starkwind und horizontal fliegende Regenschauer größere Unternehmungen unmöglich und tief hängende Wolkenbänke verhinderten jegliche Sicht auf die Berge. Ich wusste genau, wo im dichten Grau dieser eine Berg stand, dessen Name jedem Bergsteiger bekannt ist und den ich unbedingt sehen wollte. Ein Berg mit einer ganz besonderen Geschichte. Ein Sehnsuchtswort. Der Cerro Torre.

Eine besondere Geschichte des Alpinismus

Die Namen Cesare Maestri und Cerro Torre sind untrennbar miteinander verbunden- in einer der kontroversesten Geschichten des Alpinismus.

Der Berg

Cerro Torre.

An der Grenze zwischen Chile und Argentinien steht ein Granitturm, 3128 Meter hoch, der aufgrund seiner senkrechten, vereisten Wände und der extremen Wetterbedingungen als einer der schwierigsten Berge der Welt gilt.

Der Bergsteiger

Cesare Maestri (1929-2021), die „Spinne der Dolomiten“, war wohl der beste Kletterer seiner Zeit- fähig, stark, entschlossen, furchtlos. Der Cerro Torre war für ihn die ultimative Herausforderung.

1959 besteigen Cesare Maestri und Der Österreicher Toni Egger den für unbesteigbar geltenden Cerro Torre. Die Expedition endet im Desaster. Egger kommt beim Abstieg in einer Lawine ums Leben, Maestri überlebt und berichtet das Drama. Experten bezweifeln bis heute diese Erstbesteigung, weil keinerlei Beweise, wie Ausrüstungsgegenstände, Fotos oder Routenverlauf existieren. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Maestri und Egger den Gipfel erreicht haben. Diese Diskussion belastet Maestri und wird zur Tragik seines Lebens. Zuerst gefeiert, wird er nun angezweifelt. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, sein Ehrgeiz verwandeln sich in Verbitterung und werden zum Trauma.

Symbol der Verzweiflung

Die Kompressor-Route.

Um seine Reputation zu verteidigen kehrt Maestri 1970 mit einem Team zum Cerro Torre zurück. Er benutzt eine Bohrmaschine und einen Benzinkompressor und treibt, in einem beispiellosen Gewaltakt, über 400 Bohrhaken in den Granit der Südostwand.

Er erreicht den höchsten Punkt, den vereisten Gipfelpilz, jedoch nicht und erklärt kurzerhand, der Felsgipfel sei der wahre Gipfel. Die Fachwelt reagiert mit Empörung.

Meine Chance

Ich war unruhig. Für den nächsten Tag,es war unser Abreisetag, hatte der Wetterbericht ein kurzes Wetterfenster zwischen neun und zehn Uhr angekündigt. Meine Begleiter waren bereit, bis zwei Uhr nachmittags auf mich zu warten und so startete ich um vier Uhr morgens. Es war immer noch bewölkt, windig und dunkel, doch das war ich von vielen alpinen Touren gewohnt. Ich hatte mich vorbereitet, die Orientierung mit Stirnlampe war kein Problem, der Rucksack leicht. Außer einer Trinkflasche, meiner Kamera, einem 70-200mm f2,8 und einem 24-70mm f2,8 Objektiv nahm ich nichts mit. Das Wetter besserte sich, ich bewegte mich leicht und nach fünf Stunden war ich vor Ort. Ich sah den Berg, den ich zwar von Fotos kannte, dessen wahre Dimensionen mir aber erst jetzt klar wurden. Ich war gerade rechtzeitig vor Ort. Die Sonne stach durch Wolkenlöcher, der Himmel riss auf. Vor mir stand der fantastische, senkrecht aufragende Granitpfeiler, der meine Fantasie beschäftigt hatte. Durch das schlechte Wetter der Vortage lag etwas Neuschnee auf den Flanken. Kaum vorstellbar, dass diese vollkommen glatt erscheinenden Wände frei bestiegen wurden, ganz zu schweigen von der strahlend weißen Eiskappe am Gipfel.

Importiertes Bild 1

Ich wechselte das Objektiv und kontrollierte das Histogramm. Dieses Foto musste gelingen. Es blieb kaum Zeit, schon zogen die ersten Wolkenschleier wieder vor den Gipfel. Am besten Aussichtspunkt fotografierte ich diesen wunderbaren Berg mit meinem 200 mm Objektiv und begann den Rückweg. Ich war vollkommen alleine unterwegs und musste auf der steilen Moräne sehr auf meine Schritte achten. Als ich am Gletschersee vorbeikam, konnte ich noch das Bild für einen Bericht auf „fotowissen“ mitnehmen. Es verdeutlichte mir die Geschichte dieses Berges und die dazugehörige, persönliche Tragödie Maestris noch einmal. Da ich kein Stativ hatte und nach der Anstrengung eine ruhige Kamerahaltung nicht mehr möglich war, stapelte ich zwei flache Steine knapp über der Wasserlinie, positionierte meine Kamera und wählte den Ausschnitt, stellte den Timer auf zwei Sekunden und löste aus.

Importiertes Bild 2

Nach zehn Stunden kam ich müde, aber noch rechtzeitig zurück. Der Ausflug hatte sich gelohnt.

Heute sind die Bohrhaken weitgehend entfernt und der Cerro Torre wurde frei bestiegen. Der Bericht Maestris gilt als wahrscheinlich erfunden, aber seine Expeditionen zum Cerro Torre haben die Diskussion über Ehrlichkeit, Ethik und Stil im Alpinismus nachhaltig geprägt.

Maestri blieb übrigens bis zu seinem Tod bei seiner Version, dass er und Egger 1959 den Gipfel erreicht hätten. Er sprach kaum noch über den Cerro Torre und starb im Alter von 92 Jahren in einer Mischung von Trotz, Schmerz und Einsamkeit. Nur er selbst kannte die Wahrheit.

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